Mittwoch, 08 März 2017 15:53

GT3 Masters - Das Chaos in Bathurst Empfehlung

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Bathurst, genauer gesagt der Mount Panorama Circuit ist eine Rennstrecke in New South Wales (Australien), die bereits in den 30er Jahren entstanden ist. Mittlerweile gehört sie zu den Strecken, die absoluten Kultstatus erreicht hat. Der Streckenabschnitt am Berg ohne jegliche Auslaufzonen lässt einerseits fühlbar das Adrenalin durch den Körper rauschen, andererseits das Herz in die Hose rutschen. In der heutigen Zeit, in der Sicherheitsbestimmungen im Motorsport eine große Rolle spielen, können das aufgrund der Restriktionen nur noch wenige Fahrer erleben. Lediglich Tourenwagenrennen, wie die V8 Supercars oder die GT3-Klasse, sind auf der Strecke zugelassen.

Apropos GT3-Klasse, im Gegensatz zur langjährigen Geschichte vieler Rennstrecken wie in Bathurst ist die GT3-Klasse noch ziemlich jung. Die Idee zu der neuen Klasse stammte von Stéphane Ratel, seinerzeit GT-Promoter. Er stellte sich damals die Frage, warum in der GT2-Klasse eigentlich nur zwei Marken gegeneinander antreten, wobei es doch so viel mehr Sportwagen auf der Welt gibt, die für einen Renneinsatz tauglich wären. Seine Analyse ergab, dass das komplizierte Reglement in den existierenden GT-Klassen die Blutauffrischung durch neue Hersteller blockierte, und die Kosten viel zu hoch waren.

Die Antwort darauf war die GT3, Seriennähe und Kostenkontrolle die Eckpfeiler der neuen Klasse. Die Verwandlung vom Straßenauto zum Rennwagen sollte unkompliziert sein, um möglichst viele Hersteller anzusprechen. Trotzdem sollten die Zuschauer nicht auf renntypische Features wie große Flügel und hohe Motorleistung verzichten. Die Idee war ein voller Erfolg, beim ersten GT3-EM-Lauf  im Frühjahr 2006 waren 42 Fahrzeuge von neun verschiedenen Herstellern am Start. Seit der Saison 2012 wird die FIA-Weltmeisterschaft nach dem GT3-Reglement ausgefochten, das Todesurteil für die GT1-Klasse und ein Einschnitt für die GT2-Klasse.

Ein Boom der bis zum heutigen Tag anhält und sich in diversen GT-Rennserien auf der ganzen Welt wiederspiegelt. Mit dem weltweiten Erfolg kommen aber auch Probleme ans Tageslicht, mit denen im Jahr 2006 niemand gerechnet hat. Die einstigen Eckpfeiler der Klasse gelten schon lange nicht mehr. Seriennähe und Kostenkontrolle, Fehlanzeige, das technische Wettrüsten der Hersteller hat schon lange Einzug erhalten. Ein Problem für prestigeträchtige Strecken wie die Nordschleife oder Bathurst. „State oft he Art“-Sicherheitsvorkehrungen sind hier nicht leicht umzusetzen, auf Dauer könnten die Fahrzeuge der GT3-Klasse zu schnell werden, um Rennen ohne Sicherheitsbedenken austragen zu können. Ein Spiel mit dem Feuer, der den Boom unfreiwillig schnell einbremsen könnte.

Qualifying:

Nach dem kurzen Schwenker in die Vergangenheit zurück ins Hier und Jetzt. 26 gemeldete Fahrer auf dem Weg ins Qualifying. Schnell trennt sich die Spreu vom Weizen, schnell ist erkennbar, wer die Trainingssessions effizient genutzt hat und jede kleine Bodenwelle in der Bergpassage kennt. Ganz weit vorne wieder mit dabei die Lamborghini von Team Blackwing. Lange Zeit sieht es nach der Pole Position für Max Wandel aus, ehe Michael Greinig nach abgelaufener Zeit seine angefangene Runde noch beendet und sich den ersten Startplatz mit 0,019s Vorsprung sichert. Direkt dahinter auf Platz 3 Matthias Rudolph im zweiten Lamborghini, gefolgt vom Überraschungsvierten B0B0_tr0n, der damit die zweite Startreihe perfekt macht.

Enttäuschend verlief das Qualifying hingegen für einige Kandidaten, die man ansonsten auf den vorderen Plätzen wiederfindet. Einen Max Gripp beispielsweise, der gehemmt durch die 50KG Zusatzgewicht nicht an seine guten Resultate der letzten Wochen anknüpfen konnte, Platz 8. Oder die beiden Fahrer von Team ROST. Ronny Dee steckte in seinen schnellen Runden plötzlich mitten im Verkehr und konnte so nicht an seine Trainingsbestzeiten anknüpfen, Platz 10. Noch schlimmer erwischte es seinen Teamkollegen Sven Walther, ebenfalls weit entfernt von der Trainingszeit reichte es nur für Platz 14.

Der Verkehr war sowieso ein Hauptthema auf der Strecke. Die enge Bergpassage lässt kein nebeneinander fahren zu, geschweige denn gibt es Möglichkeiten andere Fahrer sicher passieren zu lassen. So mussten Viele in den sauren Apfel beißen und schnelle Runden abbrechen, unter anderem auch Jaye für den es so nur für Platz 11 reichte.

Sprintrennen:

Die Motoren heulen auf, die Erde bebt - Feuer frei, als die Ampel ausgeht. Den besten Start erwischt abermals Max Wandel, der sich bereits vor der ersten Kurve vor Michael Greinig setzen kann. Als Matthias Rudolph sich dann aus dem Windschatten heraus den McLaren auf der Conrad Straight ebenfalls schnappt, geht der Plan für Team Blackwing in Perfektion auf. Auf den Geraden ist auch aus dem Windschatten heraus mit dem McLaren gegenüber dem Huracan GT3 nicht ans Überholen zu denken und in der Bergpassage bietet sich in der Regel keine Chance. So steht am Ende der erste Doppelsieg vor Michael Greinig fest.

Ebenfalls stark präsentierte sich Dirk Dietrich, der mit seinem Nissan GT-R GT3 den einen oder anderen Kontrahenten auf der Geraden versägte und seine Position am Berg gegen die Aero-Monster geschickt verteidigte. Zu denen gehörte unweigerlich Patrick Hoff in seinem R8 LMS Ultra, der die Fehler seiner Vorderleute geschickt ausnutzte und so Position um Position gut machte. Erst der eben angesprochene Dirk Dietrich schob einen Riegel vor weiteren Positionsgewinnen, sodass es am Ende für Platz 5 reichte.

Dennis Schmitz vom Team Mahle Racing war einer dieser Fahrer, die Patrick Hoff unfreiwillig einen Platz schenkten. Nach einem starken Qualifying folgte der Verbremser in Runde 1, der ihm einige Plätze kostete und infolgedessen er hinter dem Porsche von Ronny Dee fest hing. Trotz weitaus schnellerer Pace machte auch ihm die Streckencharakteristik ein Strich durch die Rechnung. Dem BMW Z4 GT3 fehlte die Leistung, um auf den Geraden am Porsche vorbei zu gehen. Die Hartnäckigkeit sollte sich allerdings am Ende auszahlen, der konstante Druck trieb Ronny Dee in einen Fehler, der das Duell schlussendlich entschied. Platz 8 für Dennis Schmitz – Platz 9 für Ronny Dee.

Als Gewinner des Sprintrennens darf man ohne Zweifel Clemens Fida in Betracht ziehen. Nach einem verkorksten Qualifying, was auf Platz 20 endete, hielt er sich im Sprintrennen aus allem Techtel-Gemechtel heraus. Karambolagen in The Cutting und Frog Hallow nutzte er aus, um sich Platz für Platz nach vorne zu schieben. Neun gewonnene Positionen später, ging es mit Platz 11 in der Tasche über die Ziellinie. 

Hauptrennen:

Das anschließende Hauptrennen sollte als eines der denkwürdigsten Rennen in die Geschichte von ACR eingehen. Rennen?! – Ein Terminus, der nach dem Schwenken der Zielflagge kontrovers unter den Fahrern diskutiert wurde. Hatte das, was wir da im Hauptrennen erlebt hatten noch viel gemein mit dem Rennen fahren im klassischen Sinn?

Der Übersicht halber nochmal die Eckdaten. Startaufstellung in umgekehrter Reihenfolge zum Ergebnis des Sprintrennens – aufgrund der extrem schmalen Strecke wurde die Einführungsrunde und der fliegende Start einzeln hintereinander ausgetragen, nicht wie sonst in Zweierreihen.

Chaos ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber erinnert man sich an die bisherigen Läufe der GT3-Masters zurück, merkt man schnell, welchen Reiz dieses Format bietet. Die schnellen Fahrer drücken von hinten das Feld zusammen und unternehmen jeden kleinen Versuch um möglichst schnell ihren Weg nach vorne zu suchen. Unfälle, Dreher und Kaltverformungen keine Seltenheit – auf jeden Fall non-stop Action pur für jeden Beteiligten.

Erschaffen wir für ein paar Minuten doch mal kurz eine Zeitenblase. Du befindest dich in der Schule, sitzt über deinem Test und hast bis auf die letzte Aufgabe alles bravurös gelöst. Auswendig lernen hat bis hierhin gereicht, jetzt gilt es das Gelernte zu transferieren, um die Aufgabe zu lösen. Du hast keinen blassen Schimmer, keine Sorge, ich helfe euch auf die Sprünge.

Mount Panorama Circuit, 23 Kurven, 6,213km lang, eine Streckenführung mit bis zu 16% Steigung, circa die Hälfte der Strecke verläuft am Berg, die keine Überholvorgänge zulässt. Transferieren wir das bisher erlebte der GT3 Masters Hauptrennen auf die Strecke und folgern daraus unser Ergebnis. Ich bin mir sicher, hier ist es das richtige Wort und die korrekte Lösung – Chaos.

Ein Rennen, was sich mit Worten nicht zusammenfassen lässt. Schlicht unmöglich wieder zu geben, was sich an dem Renntag abgespielt hat. Von großen Aufholjagden, über verpatzte Boxenstopps und Überraschungen auf den ersten Plätzen, bis hin zu Vollsperrungen aufgrund von Massenkarambolagen am Berg. Jeder, der das Rennen verpasst hat, sollte sich die Aufzeichnung von Flightmaximes in aller Ruhe anschauen, um sich sein eigenes Bild zu machen. Der Terminus Rennen wird hier im Übrigen mit Absicht verwendet, denn nachdem der erste Schmerz über unverschuldete Positionsverluste überwunden war, war sich das Fahrerfeld in Einem einig: Ein kompliziertes Rennen, ein Rennen der anderen Art, ein Rennen das besondere Anforderungen an jeden Einzelnen gestellt hat, aber ein Rennen, was man nicht so schnell vergessen wird. 

Gelesen 851 mal Letzte Änderung am Montag, 26 Juni 2017 19:17
Max

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Kommentare   

Clemenca_at
#5 Clemenca_at 2017-03-09 14:08
Sehr cool zu lesen, mit doch einem etwas abrupten Ende für die verwöhnte Leserschaft, für ein großes THX reicht es allemal ;-)
Ronny-Stoepsel
#4 Ronny-Stoepsel 2017-03-09 04:25
Einleitung 1+ mit Sternchen...
Mittelteil, wie immer sehr gut zusammengefasst.

Ausklang, ziemlich short, aber auch genau auf den Punkt gebracht. ;-)

Danke, Schwarzflügler :roll:
Michael Greinig
#3 Michael Greinig 2017-03-08 17:18
Wie immer Top. Speziell die "Einleitung" find ich super, zuletzt über die Sicherheit und jetzt über die GT3 Klasse allgemein. 8)
Matthias Rudolph
#2 Matthias Rudolph 2017-03-08 16:19
Spitzenklasse :-)
stoffi - sven
#1 stoffi - sven 2017-03-08 16:17
Ließt sich wie immer sehr schick. Nur das Ende ist mir persönlich diesmal was abgehackt. Aber dennoch wieder Danke für deine Top Arbeit. :-)

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